Mamasein

Das Grosse Kind: Oder wie die Zeit rauscht

Eine kleine Laudatio auf all die lustigen, lauten, klebrigen, wundervollen und manchmal auch zähen Kindermomente #lebenmitkindern #innehalten

Ein Gastbeitrag von Sabrina Forrer – Die Momente mit euren Kindern, haltet sie fest! Atmet sie ein. Sie verdampfen so schnell. Saugt sie regelrecht auf. Niemand kann sie euch je wieder nehmen. Ein unheimlicher Schatz. Wer es heute nicht tut, kriegt morgen wieder Gelegenheit dazu. Aber das Heute kommt nicht zurück. 

Nichts kommt zurück.

Dieser Text soll eine kleine Laudatio auf all die lustigen, lauten, klebrigen, wundervollen und manchmal auch zähen Kindermomente sein. Denn sie kehren nie mehr zurück.

Letztens textete ich mit einer Freundin so im Rahmen einer – nennen wir es «Whatsapp-Philosophie-Stunde» – und wir unterhielten uns eben genau über jenes Thema, welches mich dieser Tage sehr umtreibt und wovon auch dieser Beitrag handeln soll. Nämlich, dass wir immer mal zwischendurch auf die «Hold-Taste» drücken sollen und wollen, weil vergangene Tage eben auf ewig vergangen bleiben.

Sie formulierte dann sehr treffend, dass nichts je zurück käme. Weder das hungrige Löwenbaby, das energisch an deiner schmerzenden Brust saugt, noch die Haarbüschel, die man aus seinen winzigen und so unerwartet starken Händchen klauben muss. Vielleicht kehre das zahnlose Grinsen einmal wider, dann aber viele Jahre später von deinem Mann (oder deiner Frau), wobei sie sich davon nicht ein vergleichbar grosses Glücksgefühl verspreche. Ich lachte herzhaft und dachte nach.

Mein ältestes Kind ist nun 12 Jahre alt. Damit befindet es sich bereits in der letzten Phase seiner Kindheit, bevor die Adoleszenz anbricht.

In vergangenen Zeiten schwelgen

Ich erinnere mich noch so genau an die babyweiche Tüllwolke, in der ich mich befand, als mein Sohn auf die Welt kam. Für mich war es das schönste Kind der westlichen Hemisphäre – und der restlichen Welt. Wir gingen viele Wege gemeinsam: sonnige, neblige, dunkelbunte und eisige. Er erst im Tuch, dann im Kinderwagen, dann an meiner Hand. Es gab so unheimlich viele Momente in diesen frühen Kindertagen, da schien die Welt stehen zu bleiben. Aus zweierlei Gründen.

Manchmal so voller Glück.

Weitaus öfters aber so zwischen Stühlen und Bänken gefangen von Langeweile und tausend Sachen, die erledigt hätten sollen müssen (bei so viel Konjunktiv wird die Dringlich- bzw. Wichtigkeit eben dieser Sachen doch aber per se in Frage gestellt) und die sich jedoch mit einem heulenden, schnuddrigen Zwergen auf dem Arm einfach schlecht bis gar nicht erledigen haben lassen.

Das Unvermögen meines jungen Selbst, dieses Kind in jenen Momenten schlicht als das zu begreifen, was es war. Ein wundervolles kleines Wesen, das getragen, bespielt und geschunkelt werden will bis zum Mond und zurück. Dass der gesamte Haushalt und die erwähnten tausend Dinge auch einfach hätten warten können. Ohne Probleme. Sie waren innert weniger Tage eh in vollkommene Vergessenheit geraten, ob sie erledigt wurden oder nicht spielt dabei eine sekundäre Rolle.

Und es gab Momente, da klebte die Müdigkeit mir so bleiern in allen Gliedern, dass ich am liebsten in einen achtzehnjährigen Dornröschenschlaf gefallen wäre, um nach dem Aufwachen meinen ausgewachsenen Sohn zu herzen und ihn um Verzeihung zu bitten.

Vermutlich geht es allen Kleinkind-Eltern ähnlich. Aber auch hier: Haltet am Frühstückstisch einfach mal inne und lacht mit euren Kindern bis über alle honigverschmierten Backen um die Wette. Erst wenn Alltagssituationen von echten Gefühlen durchflutet sind, speichern wir sie für immer ab. Im täglichen Trott geht so ein Frühstücksmorgen einfach unter und der honigverschmierte Mund wird achtlos abgewischt

Wie die Zeit rauscht

Nun ist er 12. Die anstrengenden Kleinkinderjahre sind weit weg und in der Retrospektive überwiegen die guten, glücklichen Tage mit grosser Eindeutigkeit. Kaum war das Kind eingeschult, rauschte die Zeit in Windeseile. Es hatte plötzlich viele Stunden am Tag Unterricht. Und obwohl ich nie ein ausgeklügeltes Nachmittagsprogramm mit ihm fuhr, entwickelten sich seine Freizeitbeschäftigungen und wuchsen mit seinen Interessen. Plötzlich war da zweimal die Woche Fussballtrainig und immer freitags Schachclub. Am Dienstag wollte er gar vor der Schule schon zum Geigenunterricht. Es war eine sehr schöne und entspannte Zeit. Das Kind war so glücklich und ich war es mit ihm.

Die Primarschulzeit – ach, was sind das dankbare Jahre. Das Kind schläft in der Regel nachts durch. Es bildet seine Interessen aus und geht ihnen immer selbständiger nach. Und es ist (meist) in der Lage, einigermassen vernunftbasierte Gespräche zu führen und faire Entscheidungen zu akzeptieren. Im besten Fall hinterfragt es gewisse Dinge und bittet mit der kindlichen Motivation, Dinge wirklich verstehen zu wollen, um genaue Erklärungen.

Diese Jahre sausen geradezu vorbei.

Jetzt besucht mein Kind bereits das Gymnasium. Er isst in der Mensa zu Mittag und hat oft bis 17 Uhr Schule. Ich kenne sein Leben jetzt vor allem aus seinen Erzählungen. Natürlich verbringen wir noch «quality-time» zusammen, nur ist die eben echt rar inzwischen. Dieser Umstand bewegt mich hin und wieder ungemein.

Einerseits weil ich so froh bin für ihn! Es geht ihm echt gut und wir teilen wunderschöne Erinnerungen zusammen. Ausserdem glaube ich zu wissen, dass er ziemlich genau das Leben lebt, was ihm entspricht. Andererseits weil er eben schon 12 ist und kein Jährchen je widerkehrt. Manchmal passiert es mir sogar, dass ich meinen fünfjährigen Sohn, den er nun einmal nicht mehr ist, regelrecht vermisse.

Traurigschön find ich das.

Aber eines verspreche ich mir hierbei selbst, ich halte jeden Tag inne und schaue ihn mir an, lache mit ihm und frage ihn wahrhaftig und nicht bloss im Vorbeigang, wie es ihm geht.

Geniesst die Zeit mit euren kleinen und grossen Kindern, denn sie rast, versprochen!


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Eine kleine Laudatio auf all die lustigen, lauten, klebrigen, wundervollen und manchmal auch zähen Kindermomente #lebenmitkindern #innehalten

Bilder: © Jared Sluyter on Unsplash

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4 Comments

  • Reply
    Katja
    22. März 2018 at 20:50

    Was für ein wunderschöner Artikel, der mitten ins Herz geht! Unsere Große ist elf – und das Beschriebene kann ich gut nachfühlen.

    • Sabrina Forrer
      Reply
      Sabrina Forrer
      22. März 2018 at 21:56

      Liebe Katja
      Vielen Dank 😘 Dann geniessen wir einfach jeden Moment, der uns geschenkt wird. Wobei das mit den Teeniebeenies gar nicht immer nur einfach ist. 😀

  • Reply
    Marion
    26. März 2018 at 22:44

    Liebe Sabrina
    Deine Worte haben mich ergriffen und sehr berührt. Herzlichen Dank! Mein Mann und ich geniessen das Glück mit unserer fünfjährigen Tochter.

    „Die Zeit von der ich dachte, ich würde sie meinen Kindern schenken, war in Wahrheit die schönste Zeit, die mir geschenkt wurde.“ (Peter Bachér)

    • Sabrina Forrer
      Reply
      Sabrina Forrer
      27. März 2018 at 13:10

      Liebe Marion
      Vielen Dank 😊 und ich wünsche euch dreien noch eine Million weitere Glücksmomente! Das Zitat ist auch irrschön, lieben Dank.

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